Plateia Kornarou: Wo Heraklion seine Schichten zeigt
Die Plateia Kornarou in Heraklion vereint venezianische und osmanische Geschichte auf wenigen Quadratmetern -- vom Bembo-Brunnen über das osmanische Sebil bis zur Erinnerung an eine gotische Kirche, die 1970 abgerissen wurde.
Wer am Ende der 1866-Straße in Heraklion steht, dort wo der Markt aufhört und die Autos wieder lauter werden, der steht auf der Plateia Kornarou und merkt es vielleicht nicht einmal. Ein Platz, der keine Visitenkarte verteilt. Kein großes Schild, kein Audioguide-Hinweis, kein inszenierter Moment. Und trotzdem steckt in diesem unscheinbaren Stück Heraklion mehr Geschichte als in manchen ganzen Städten.
Ein Platz, benannt nach einem Dichter, den ganz Kreta kennt
Vincenzos Kornaros, geboren 1553 in Sitia, aufgewachsen in Chandax -- dem heutigen Heraklion -- hat der griechischen Literatur eines ihrer wichtigsten Werke geschenkt: den Erotokritos[1]. Über 10.000 Verse, geschrieben im kretischen Dialekt, eine Liebesgeschichte zwischen Erotokritos und Aretousa, die auf der Insel bis heute gesungen wird. In den Dörfern der Messara-Ebene sitzen alte Männer in Kafenions und rezitieren Passagen auswendig. Es ist keine Folklore. Es ist lebendig.
Die Statue auf dem Platz zeigt Erotokritos zu Pferd, wie er sich von Aretousa verabschiedet. Eine Szene aus dem Epos, festgehalten in Bronze. Wer sich auf eine der Bänke davor setzt, hört heute eher Mopeds als Verse -- aber der Platz erinnert daran, dass Kreta in der Renaissance ein literarisches Zentrum war, lange bevor es als Urlaubsinsel entdeckt wurde.
Die gotische Kirche, die niemand retten wollte
Dort wo heute Platz ist -- offener Raum, ein paar Bäume, Verkehr -- stand bis 1970 die Kirche San Salvatore. Die einzige rein gotische Kirche auf ganz Kreta[2]. Die Augustiner hatten sie Ende des 13. Jahrhunderts gebaut, beeindruckend, lang gestreckt, karg in ihrer Schönheit. Sie überlebte Erdbeben, Belagerungen, Herrschaftswechsel.
Als die Osmanen Chandax 1669 eroberten, wurde sie zur Moschee. Die Valide Camii, gewidmet der Sultansmutter. Die Heraklioten machten daraus im Volksmund Falte Tzami -- ein Name, den ältere Menschen bis heute für den Platz verwenden. Nach dem griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch 1922 diente die Kirche als Flüchtlingsunterkunft, dann als erstes Mädchengymnasium der Stadt.
Im Juli 1970 ließ Stylianos Pattakos, ein Junta-Mitglied aus Kreta, sie abreißen. Offiziell: baufällig. Inoffiziell: unbequem, zu groß, zu kompliziert. Ein gotisches Gebäude aus dem 13. Jahrhundert, das sieben Jahrhunderte lang alles überstanden hatte -- abgerissen in einer Woche. Ich laufe manchmal über den Platz und denke: Man sieht die Leerstelle. Da, wo die Kirche war, ist der Platz seltsam breit, als hätte jemand etwas herausgerissen und vergessen, die Wunde zu schließen.
Der Bembo-Brunnen: Als Wasser noch ein Ereignis war
An der Nordseite des Platzes steht der Bembo-Brunnen, und wer nicht aufpasst, läuft daran vorbei. Dabei ist dieses Bauwerk von 1552 bis 1554 eines der wichtigsten der venezianischen Epoche Heraklions[3]. Gianmatteo Bembo, venezianischer Provveditore, ließ als erster fließendes Wasser über ein Aquädukt in die Stadt leiten. Vorher kein Leitungswasser. Vorher Brunnen und Zisternen. Vorher Durst.
Der Brunnen selbst ist eine Mischung aus Gotik und Renaissance in weißem Marmor, verziert mit den Wappen der venezianischen Familien Gritti, Tiepolo, Emo und Marino. In der Mitte steht ein kopfloses römisches Standbild, das aus Ierapetra hierher gebracht wurde -- niemand weiß genau, wen es darstellt, manche vermuten Asklepios[4]. Das Auffangbecken für das Wasser ist ein römischer Sarkophag. Ein Sarkophag als Waschbecken -- die Venezianer hatten einen pragmatischen Sinn für Wiederverwendung, den wir heute Upcycling nennen würden.
Das osmanische Sebil: Wohltätigkeit in Stein
Direkt neben dem venezianischen Brunnen steht das Sebil, gebaut 1776 von Hadji Ibrahim Aga[5]. Ein polygonales Gebäude mit Bogenfenstern, unter jedem ein Wasserhahn und eine Steintrinne. Ein öffentlicher Trinkbrunnen, finanziert von einem wohlhabenden Osmanen, der sein gesamtes Vermögen in dessen Unterhalt investiert haben soll. Der Legende nach ließ er im Sommer sogar Schnee vom Psiloritis-Gebirge herunterschaffen, um das Wasser zu kühlen.
Heute ist im Sebil ein städtisches Café untergebracht. Man trinkt seinen Freddo Espresso dort, wo vor 250 Jahren erschöpfte Reisende kaltes Wasser aus Steinrinnen tranken. Die meisten anderen Sebils in Heraklion haben die Modernisierungswut der Bürgermeister des 20. Jahrhunderts nicht überlebt. Dass dieses hier noch steht, ist keine Selbstverständlichkeit.
Schichten lesen, nicht Sehenswürdigkeiten abhaken
Was die Plateia Kornarou besonders macht, ist nicht ein einzelnes Bauwerk. Es ist die Verdichtung. Auf wenigen hundert Quadratmetern stehen venezianische und osmanische Architektur nebeneinander, erinnert eine Statue an die kretische Renaissance, fehlt eine gotische Kirche, die dort seit sieben Jahrhunderten stand. Römer, Venezianer, Osmanen, Griechen -- jede Epoche hat etwas hinterlassen oder etwas weggenommen.
Wer Heraklion nur von der Knossos-Tour und dem Archäologischen Museum kennt, verpasst solche Orte. Die Plateia Kornarou steht in keinem Top-10-Listicle. Sie hat keinen Eintritt, keinen Souvenirladen, keinen Instagram-Moment. Sie hat etwas Besseres: Tiefe.
Ich sitze dort gerne nachmittags, wenn das Licht flacher wird und die Mopeds leiser. Dann wird der Platz zu dem, was er ist -- ein Palimpsest aus zweitausend Jahren, an dem man ablesen kann, wie diese Stadt wurde, was sie ist. Man muss nur aufhören, hindurchzulaufen, und anfangen hinzuschauen.
Quellen & Nachweise
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2
The History of Kornarou Square
https://www.hotelolympic.com/location/the-history-of-kornarou-square/web -
3
The Bembo Fountain and Turkish Sebil in Heraklion
https://www.explorecrete.com/Heraklion/EN06b-Heraklion-bembo.htmlweb -
4
Kornarou Square in Heraklion
https://www.explorecrete.com/Heraklion/EN07-Heraklion-kornarou-square.htmlweb
Über den Autor
Guido Mitschke
Digital Nomad und Unternehmer. Gründer von Today is Life. Lebt mehrere Monate im Jahr auf Kreta und schreibt über das Leben, Reisen und Unternehmertum in Griechenland.